knappes protokoll des rancière-abends

knappe zusammenfassung des gesprächs im hygienemuseum in textform. die übersetzung hat an sich schon relativ viel ‚gefressen‘, meine notizen sicher auch. zum kurzen nachlesen reicht es dennoch!

Jaques Rancière
Im Gespräch mit Patrick Beck über ‚Die Aufteilung des Sinnlichen’

Hygienemuseum 22.10.2015

Patrick Beck: In der ‚Aisthesis’ (Rancières jüngster Veröffentlichung) sprechen Sie vom ‚Gewebe sinnlicher Erfahrung’. Was ist für Sie das sinnliche Gewebe?

Jaques Rancière (in Übersetzung): Wenn Hegel sagt ‚Es gibt keine Kunst(werke) an sich.’, dann meint er damit, dass ein Kunstwerk erst durch Wahrnehmung, sinnliche Erfahrung zu Kunst erhoben werden kann. Das heißt, dass die Grenzen zwischen Kunstwerken und der Realität sich auflösen.

Der Betrachter überträgt die sinnliche Erfahrung von Kunst in seine eigene sinnliche Erfahrung(swelt).
Ich stelle meinen Kapiteln Texte voran, die nicht einfach nur beschreiben, sondern in denen das Visuelle im Wort liegt, auch sie fügen sich in Sinneserfahrung.

P.B.: Sie etablieren den Begriff des ästhetischen Regimes (neben Wahrnehmungs- und Denkregime). Verstehen Sie dieses als Herrschaft der Kunst?

J.R.: Unter Regime versteht man gemeinhin a) Regentschaft, Normenherrschaft, b) eine Organisationsform, die man im Deutschen eher als System bezeichnen würde. Wenn Foucault vom Wahrnehmungssystem spricht, mein er damit, dass nicht das Ding schon Kunst an sich ist, sondern dass erst die Wahrnehmung Kunst macht. Es geht also um Bezüge.

P.B.: Warum legen Sie in ‚Aisthesis’ den Fokus auf Bühnenwerke?

J.R.: Allgemein habe ich keine Quotenregelung beachtet, ich habe mich auf Künste und Werke bezogen, die aus dem Rahmen fallen, auf Kunst, die aus gegenseitiger Durchdringung entsteht. Ein Beispiel dafür ist Videokunst der 1980er, in der die Technik selbst Kunst wird. Ich behandle oft Ereignisse, in denen sich etwas als Kunst offenbart, das es vorher nicht war.

Ich habe theatralische Beispiele gewählt, weil Theater Zerstreuung ist. Es teilt sich in Darsteller und Publikum (lat. Volksversammlung), das jetzt Zerstreuung sucht und daher ins Theater geht. Ein Beispiel für den Grenzgang Kunst / Nicht-Kunst ist die Pantomime, die in der Darstellung ‚vulgär’ ist, in der Alltägliches/Banales zu Kunst wird. Theater ist immer auch Experiment.

P.B.: Gibt es für Sie dann Dinge, die nicht Kunst sind?

J.R.: Nichts kann nicht Kunst sein/werden. Nehmen Sie beispielsweise die Medienberichterstattung. Godard gibt als Beispiel über Dokumentation: Israel marschiert nach Palästina ein. Die Medien berichten dann nicht über die Israelis, sondern über die Palästinenser. Was ist dann Realität, was ist es nicht? Nicht nur Kunst, auch die Medien inszenieren und alles findet statt im Raum der sinnlichen Wahrnehmbarkeit.

P.B.: Sie sprechen davon, dass die soziale Revolution nur auf eine ästhetische folgen kann.

J.R.: Hegel, der junge Marx und Schiller (ästhetische Erziehung) haben einen erstaunlich ähnlichen Ansatz zu diesem Thema. Sie alle sprechen sich für eine Revolution aus, die über die politische Revolution hinausgeht, die den Menschen betrifft. Es geht ihnen um eine menschliche Revolution, um neue Lebensentwürfe. Der junge Marx spricht von der ästhetischen (absoluten) Revolution, von ästhetischen Gedanken, Er meint nicht Kunst, er meint Revolution und Gedanken den Menschen betreffend.

P.B.: Die doppelte Logik des Systems ist, dass Kapital frei zirkulieren darf, Menschen aber nicht. Wie ist das Spannungsverhältnis zu lösen?

J.R.: Während in Europa freier Waren- und Personenverkehr besteht, ist weltweit nur freier Warenverkehr erlaubt. In ‚Das Unvernehmen’ charakterisiere ich das Volk als anonyme, versammelte Menschen, als ‚Nicht-Beteiligte’. Die Integration der Ausgegrenzten gelingt nicht, weil das Volk die Ausgegrenzten nicht empfangen will. Auch nicht an den Grenzen Europa.

23.10.2015

P.B.: Gleichheit der Menschen ist für Sie Vorraussetzung. Was ist Gleichheit?

J.R.: Gleichheit ist Emanzipationskonzept. Anhand des Lehrer- Schülerverhältnisses lässt sich erkennen, dass um Gleichheit zu erlangen (Schüler hat von Lehrer alles erlernt, steht auf gleicher Ebene), erst Ungleichheit eingeführt wird. Ungleichheit ist Ursprung allen Leidens. Gleichheit sollte nicht Ziel, sie sollte Ausgangspunkt aller Politik sein.

P.B.: Sie schrieben ‚Der Hass der Demokratie’. Wie würden Sie demokratische Gesellschaft gestalten?

J.R.: Demokratie ist Volksgemeinschaft (demos – Volk), in der alle gleichermaßen Anspruch auf Herrschaft haben. Wir leben eher in einer Oligarchie, in der diejenigen, die viel wissen, herrschen. Platons Republik z.B., in der er von der Erziehung des Volkes (als Corpus) spricht, ähnelt der französischen Republik. Es gibt eine gewisse Exklusivität der Wissenden, das, was von außen kommt, würde diese ‚Leitkultur’ gefährden.

Publikumsfrage: Wie funktioniert dieses Nachdenken/Sprechen über Kunst, wenn erst Reflexion Kunst ausmacht. Wie muss dieser Diskurs beschaffen sein?

J.R.: Das Gegenteil des ästhetischen Regimes ist ein repräsentatives, mimetisches System, in dem Kunstregeln eingehalten werden, nach denen man Kunst beurteilen und verstehen kann. Im ästhetischen System hingegen sollte die Kunstfertigkeit im Fokus stehen, also das, was geschieht. Im 19 Jhd. beginnen Schriftsteller Kunstwerke nicht mehr nach diesen Normen zu beurteilen, sondern Malerei als Performance, Ereignis, Darbietung aufzufassen. Der Diskurs sollte also nicht über Kunstregeln gehalten werden, sondern über das, was geschieht.

tricktisch

hier die nachricht von johannes am ende:
„Die erste Frage an Sie betrifft den Zeitrahmen – wann soll der Tricktisch genutzt werden und in welchem Umfang, da er auch von anderen Studierenden genutzt wird.
Ab Januar findet ein Seminar statt, d.h. der Raum steht nur vorher zur Verfügung.
Welche Kenntnisse sind vorhanden in Bezug auf die vorhandene Technik?
Dazu hier ein Überblick zu der Ausstattung:
Ein Krass Tricktisch mit einer fest installierten digitalen Fotokamera.
Die Bilder werden von der digitalen Spiegelreflexkamera (Canon EOS 350D) direkt an den Rechner geliefert. Sie verfügt nicht über einen eigenen Speicher.
Die Fotokamera nimmt durch ein „Krass“-Objektiv auf, daß in einem Gewinde unter der Kamera befestigt ist.
Die Fotokamera kann keine Vorschaubilder liefern, deshalb ist über ihr eine Videokamera befestigt, die durch den Sucher der Fotokamera hindurch filmt und
ein (leicht beschnittenes) Livebild an den Rechner liefert.
In diesem (Windows-) Rechner sind folgende Programme installiert:
Videovorschau-VLC Player
Digital Photo Professional
Stop Motion Pro
Des weiteren steht ein Mac-Rechner zur Verfügung mit dem
Animationszeichenprogramm – PAP und FinalCut für Videoediting.
Daran angeschlossen ein Zeichentablett mit Monitor (Wacom Cintiq 21UX)
Des weiteren stehen in dem Raum drei Leuchttische zum zeichnen.
Eine Einführung in diese Technik könnte nach Absprache durch eine Studierende erfolgen, danach müssten die Studierenden eigenständig arbeiten.“

Die lange Nacht des Kurzfilms

Samstag, 29. Oktober 2011, 23:00 Uhr, Kleines Haus 3
Fremdkörper – Die lange Nacht des Kurzfilms
Das Kurzfilmprogramm der AG Kurzfilm zeigt mit schrägen, verspielt-lustigen, tragisch-komischen und experimentellen Kurzfilmen die Entstehung ganz eigener Formen: Es geht um denkwürdige medizinische Experimente am Menschen, die Überschreitung von Grenzen, um Einsamkeit, Neu-, Fremd- oder Selbstbestimmung bis hin zur Ausprägung kurioser, witziger und gruseliger Kreaturen.
Eintritt: 3,00 €

 

läuft im Rahmen von:

Fremd – 8. Festival „Politik im Freien Theater“

27.10 – 6.11.2011 | Staatsschauspiel Dresden und Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste Dresden